Eine Blase

13. November 2016 geschrieben von J-Org

Diese Seite hat keinen Traffic mehr. Einst haben wir uns hier über die wirklich wichtigen Dinge des Lebens ausgelassen. Die Miss Bumbum Wahlen in Brasilien, das Dschungelcamp, den HSV und auch sonst alles, was nicht wirklich von Belang war. Einige Artikel hatten relativ ernste Hintergründe, aber im Grunde war der Sarkasmus das treibende Element. Seit knapp 2 Jahren ist das Meinungsmonster nun still. Und obwohl ich weiß, dass wahrscheinlich niemand zufällig auf diesen Artikel stößt, war es mir wichtig, diesen Artikel zu schreiben, weil das Schreiben immer ein wichtiges Ventil für mich war und mir dabei behilflich meine Gedanken zu ordnen. Als ich am Mittwochmorgen aufwachte, las ich noch im Bett die Nachricht von der Wahl Donald Trumps. Und ich fühlte mich wie vor knapp einem halben Jahr, als der Brexit beschlossen wurde. Taub. Erschüttert. Hilflos. Und dann kam die Wut.

Wut auf alles. Auf die, die die AfD unterstützen und mit den Ängsten der Menschen spielen, Wut auf die Politiker, die aus Angst vor Wahlniederlagen nie wirklich etwas verändern wollen. Wut auf die Demokraten, die es geschafft haben, die mit Abstand schlechteste Kandidatin der letzten 112 Jahre aufzustellen (wenn man den Wahlsieg als Ziel voraussetzt). Was ist das für eine Welt, frage ich mich? Und was wird das für eine Welt, auf die wir zusteuern? In Frankreich Marine Le Pen, in Österreich Hofer, in Deutschland die AfD. Britannien stimmt gegen die EU und in den USA will der neu gewählte Präsident eine Mauer zu Mexiko bauen. Im Wahlkampf macht er sich öffentlich über Behinderte lustig und beleidigt so ziemlich jeden, der ihm gerade unpassend erscheint. Schwarze, Latinos, Frauen, Ausländer, Moslems, Arme. Die Liste ist lang. Und trotzdem wird er gewählt. Das mag auf den ersten Blick unvorstellbar sein. Was für Menschen lassen sich erst von einem Kandidaten beleidigen und stimmen dann für ihn? Es sind wahrscheinlich die, die sich von der Politik nicht vertreten fühlen, und  für die die kleine Aussicht auf irgendeine Art der Veränderung größer ist, als einfach immer weiter zu machen. Aber wie viele können das sein? Die erschreckende Antwort ist wohl: es sind mehr, als man denkt. Denn Randgruppen, die in radikalen Blasen Leben, gewinnen keine Wahlen.

Nein. Wir sind es, die in einer Blase leben. Eine Blase, voll mit Regenbögen, Einhörnern und schwulen Bärchen, die allesamt Sternschnuppen kacken. Eine Welt, in der das verschließen einer Tür, zwei neue öffnet und die uns so offen steht, dass wir uns schon fast wieder eingeschränkt fühlen, wenn in Malawi der Strom ausfällt. Wir gucken Dokumentationen über Wale in Planschbecken und können uns tierisch darüber aufregen´, dass es so etwas gibt. Und wenn Kachelmann, Deutschland beliebtester Import-Wetterfrosch, seine Freundin verprügelt, bevor er über sie rüber rutscht, wettern wir über die Medien und wie viel Aufmerksamkeit sie dem Thema schenken, sind aber über Bild.de trotzdem immer bestens darüber informiert. Und weil wir es gelernt haben, gucken wir pflichtbewusst die Tagesschau und sehen, wie tausende gegen Flüchtlinge auf die Straßen gehen. Die Menschen haben Angst und es erschreckt uns, dass so viel Fremdenfeindlichkeit in unser Gesellschaft herrscht. Aber trotzdem stellen wir uns den tausendfachen Ängsten nicht, lieber schwingen wir die Nazi- Keule, weil die Welt das auch irgendwie von uns erwartet. Und weil es so schön bequem ist, bleiben wir dafür sogar noch gleich zuhause auf dem Sofa sitzen.

Dabei können wir dann noch so viele Nachrichten von Twitter und Facebook löschen, anzeigen, verurteilen. Es ändert nichts. Die Menschen haben Angst und wir versuchen uns einzureden, sie wäre total unbegründet. Und wir verstehen es nicht, weil wir es auch nicht verstehen können. Es wird doch eigentlich immer alles gut. Irgendwer steht am Ende schon auf und regelt alles. Das ist in den ganzen Marvel- Comics so, und für die diejenigen von uns, die nicht wirklich an Superhelden glauben, wäre es auch Ok, wenn die Merkel zur rechten Zeit ein Machtwort spräche und auf dem Schiff,  welches uns letztendlich erst in ein fernes Land und später einen anderen Planeten befördern wird, unsere Namen auf einer Tür der Außenkabinen zu lesen ist und wir eine eigene Toilette haben. Mit Meerblick, das ist klar.

Und diese Wut, die ich in mir trage, die habe ich auf mich und die Menschen, die so sind wie ich. Wir glauben es besser zu wissen, besser zu können. Wir sind schlau, wir haben studiert. Die Zukunft unseres Landes, sagte man uns, besser noch: unserer Welt. Wir wissen wo unsere nächste Mahlzeit herkommt. Aus dem Supermarkt. Und ich meine nicht den Penny oder Netto, zu dem man drei Minuten länger gehen müsste. Nein, wir gehen zum EDEKA, weil der ums Eck ist und die Fleischtheke gut sortiert. Und wir wollen verstehen, was die  Leute in Oberbirnbach beschäftigt? Versuchen wir es? Wir tun nichts. Wir reden. Zwar mit- aber leider auch nur untereinander.  Für mehr haben wir keine Zeit. Schließlich haben wir unverrückbare Termine zum Gin-Tasting und den Segelkurs sollten wir auch zügig abschließen. Und am Ende von unsren Gesprächen über die Welt, sind wir immer einer Meinung: Die Welt besteht aus Idioten und wir sind gute Beobachter. Und das ist irgendwie merkwürdig, wenn man stundenlang mit Menschen diskutiert, die eigentlich auch von vornherein mit dir zusammen der Meinung waren, dass irgendetwas derzeitig total verkehrt läuft. Aber wir stehen nicht auf. Wir haben keine Lösung, aber wir verhalten uns so. Wir sprechen nicht mit den Menschen, den Betroffenen. Suchen keinen Dialog. Um ein Zeichen zu setzen, stellen wir uns vielleicht in die Schlange der Messehalle 2, wo wir an drei Vormittagen im Jahr Kinderhosen in Kartons sortieren. Das schafft ein gutes Gewissen, aber sobald es um ein richtiges Commitment geht, schrecken wir dann doch wieder zurück. Ich habe keine Deutschkurse organisiert, keine Flüchtlinge bei Behördengängen an die Hand genommen, kein Willkommensdinner gehalten. Ich bin also einer von Ihnen, den passiven Intellektuellen. An der Brust meiner Mutter war ich bei den Anti-Atomkraft Demos dabei. Das muss reichen für dieses Leben. Wobei nicht ganz klar ist, wo ich denn Sinn dafür verloren habe, sich für die Dinge, die falsch laufen, auch aktiv einzusetzen. Eigentlich wurde es mir doch in die Wiege gelegt. Und um unsere demokratischen, friedlichen Werte steht es derzeit nicht gut. Stattdessen, verbringe ich meinen Samstagabend damit, einen Artikel zu schreiben, den ich im Internet poste. Auf einer Seite, die keinen Traffic mehr hat. Aber vielleicht ändert er was. Bei mir.

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